Gesehen – Verstanden: Gute Modelle wirken in Sekunden

Sie stehen mitten in London an der Victoria Station und wollen zum Piccadilly Circus. Um Sie herum braust der Verkehr. In diesem Straßengewirr würden Sie sich hoffnungslos verlaufen, also nehmen Sie die U-Bahn. Dort finden Sie eine sehr vereinfachte Variante des Stadtplans. Aber genau dieses grob vereinfachte Modell hilft Ihnen, die richtige Linie zu finden und Ihr Ziel zu erreichen. Das Modell ist natürlich nicht präzise, aber es reicht, um sich zu orientieren. Hinge in der U-Bahn Station ein exakter Stadtplan, würde seine Komplexität Sie vermutlich überfordern.

Solche Modelle sind für unser Gehirn wie „mentale Landkarten“. Gelingt es uns als Redner, diese Landkarte in den Köpfen unserer Zuhörer zu entfalten, können diese sich orientieren. Sie lassen sich von uns an die Hand nehmen.

"Mentale Landkarten“ vereinfachen die komplexe Wirklichkeit. Sie dienen der Orientierung und müssen daher nicht genau sein."
Als Berater, Trainer oder Führungskraft sind wir immer wieder herausgefordert, komplexe Sachverhalte verständlich und in kurzer Zeit zu erklären. Kennen Sie auch diese Redner, die sich im Detail verlieren, um die Sache einmal „richtig“ zu erklären. Objektiv mag der Redner Recht gehabt haben, subjektiv hat es den Zuhörern nicht genutzt. Sie haben sich „gedanklich verlaufen“ und sich vom Redner innerlich getrennt.

Was sind Kriterien für wirkungsvolle mentale Landkarten?

1) Der metaphorische Charakter

Eine gute Landkarte hat metaphorischen Charakter. Sie knüpft an ein den Zuhörern bekanntes Bild an und verbindet es mit der aktuellen Herausforderung. Jahrelang hat der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl im Zuge der europäischen Einigung vom „Haus Europa“ gesprochen. Ein Haus mit vielen Räumen war eine mentale Landkarte, die sich jeder Bürger vorstellen konnte. Angesichts der aktuellen Krisen in Europa, wünschen sich viele Bürger wieder eine Landkarte, im Sinne eines „Modells“ für Europa, das neue Orientierung bieten könnte.

Microsoft arbeitet von Beginn an mit dem Betriebssystem „Windows“. Das Modell „Fenster“ erklärt uns auf einfache Weise den technisch komplizierten Vorgang, gleichzeitig in und an verschiedenen Programmen auf einem Bildschirm zu arbeiten.

2) Die Sortierfunktion

Eine mentale Landkarte hilft, durch Oberbegriffe die Komplexität zu sortieren und damit Zuordnungen zu schaffen. Progressio arbeitet seit Jahren mit einem Führungskräftetraining, das wir KOMPASS nennen. Darin beschreiben wir vier Kernkompetenzen einer Führungskraft, die wir als die vier Himmelsrichtungen der Führung definieren. Es sind dies die Persönlichkeitskompetenz, Handlungskompetenz, Sozialkompetenz und Systemkompetenz. Der „Kompass“ und die „vier Himmelsrichtungen“ haben metaphorischen Charakter. Die vier Kompetenzfelder haben eine Sortierfunktion, die der Führungskraft hilft, Alltagssituation blitzschnell einzuordnen und sich dabei sicher zu orientieren.

3) Die Visualisierungsfunktion

Gute mentale Landkarten lassen sich einfach visualisieren und können vom Redner auf einer Flipchart spontan aufgezeichnet werden. Wirksamer als jede noch so schicke Powerpoint-Folie ist die Handzeichnung des Vortragenden. Der Akt des Zeichnens selbst bindet die Aufmerksamkeit der Zuhörer und verschafft dem Redner eine ideale Plattform. Vermeiden Sie Landkarten, die so kompliziert sind, dass sie in kurzer Zeit kaum gezeichnet werden können (Uhrwerk, Universum, Urwald …). Nutzen Sie solche, die mit wenigen Strichen erkennbar sind und das Kopfkino beim Zuhörer anregen (Haus, Kompass, Zeitstrahl usw.).

Ein Tipp zum Schluss: Allein die Menge macht, dass das Ding kein Gift sei (Paracelsus). Jede Übertreibung ist schädlich. Eine Landkarte darf nicht überreizt werden, so dass sie den Vortrag oder die Beratung dominiert und letztlich auch wieder zu einer Desorientierung führt.

Setzen Sie Ihre mentale Landkarte dramaturgisch geschickt und wohldosiert ein. In den Fahrplan der U-Bahn vertiefen Sie sich auch nicht wie in einen spannenden Roman. Sie schauen einige Sekunden drauf und wissen was Sie als nächstes zu tun haben. Gute Landkarten wirken in Sekunden.
Dietmar Nowottka